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VYRD und die Kunst der glaubhaften Behauptung

Beim Stuttgarter Kunstlabel VYRD entstehen Artefakte aus möglichen und unmöglichen Wirklichkeiten — und in kleinen Serien richtet sich der Blick immer wieder auf das Hier und Jetzt.

Stuttgart. Man erkennt VYRD nicht an einem Stil. Man erkennt es an einem Verdacht. Die Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Druckgrafiken des Labels VYRD.art — der Name ist zugleich seine Adresse im Netz — treten auf wie Belegstücke: gerahmt, patiniert, mit Spuren einer Herkunft, die bei näherem Hinsehen ins Rutschen gerät. Das Porträt kennt sein Jahrhundert nicht genau. Die Kabinettkarte dokumentiert eine Expedition, die kein Archiv verzeichnet. Das gerahmte Blatt meldet eine Himmelserscheinung im Augsburg des Jahres 1504, von der keine Chronik weiß. „Artefacts from Altered Realities“ heißt der Claim des Labels, und er ist wörtlich gemeint: VYRD.art stellt Artefakte her, die von woanders zu kommen scheinen.


Apokryphe Kunst

Das Zentrum des Werks bildet, was der Claim verspricht — Objekte mit erfundener Überlieferung. Tafelbilder in gewichtigen Altrahmen, deren höfisches Personal in keiner Ahnengalerie dieser Welt nachweisbar ist: „REGINA Λ ∏ _O“, eine irdische Regentin, deren Stammbaum nicht auf diesem Planeten wurzelt. „DAUGHTER“, pubertäre Tochter von 68er-Vampiren — die Rebellin einer Generation, die sich auch unter Blutsaugern irgendwann gegen die Eltern stellt. „PAPISSA“, eine Päpstin, die es laut Kirchengeschichte nie gab. Dazu Cartes de Visite und Kabinettkarten im Habitus des 19. Jahrhunderts, samt Ateliersignet und Prägeschrift: unmögliche Porträts, im Sonntagsstaat abgelichtet.

Wie ernst VYRD.art die Beweisführung nimmt, zeigt die Skulptur „TOYS 'R BRASS“, ein wucherndes Metallgebilde aus Dutzenden verklumpter Spielzeugkörper: Rost und Grünspan darauf sind keine Imitation, sondern echte, chemisch gezüchtete Korrosion — Alterung im Zeitraffer. Hier liegt die Konstante des Labels: die Kunst der glaubhaften Behauptung.

Man muss nur hinsehen

In unregelmäßigen Abständen verlässt VYRD die historischen Räume und richtet den Blick in kleinen, in sich geschlossenen Serien auf die Gegenwart — auf das, was längst sichtbar ist und dennoch allzu oft übersehen, verdrängt oder hingenommen wird.

„Present Tense“ heißt die aktuellste Serie. „NADESCHDA“ — benannt nach Pussy-Riot-Mitgründerin Nadya Tolokonnikova — hält im orangen Regenanzug ein Pappschild mit „Free Hugs“ über eine Trümmerwüste. In „35°30' N, 19°00' E“, betitelt nach den Koordinaten der Mitte des Mittelmeers, sehen die Passagiere eines kenternden Boots dem eigenen Sinken zu — reglos, als beträfe es andere. Und „FOLLOWERS: 2M“: eine Influencerin, dahinter ihre Gefolgschaft, dicht an dicht — zwei Millionen Menschen als Hintergrund eines einzelnen Ichs. Der dunkle Zwilling „FOLLOWERS: 2“ nimmt das Wort in seinem alten Sinn: Da folgen einem die eigenen Dämonen. Wo der Stammkatalog flüstert, hält Present Tense das Megafon.

„New World“ entsteht gerade und erzählt in Tagesnummern. „DAY 0001“: ein Raumfahrer, ehrfürchtig kniend im Seerosenteich einer fremden Welt. „DAY 0028“: derselbe Mann, sich auflösend im leuchtenden Pilzfeld — der Anzug abgelegt, die Vorsicht auch.

Es muss DA sein

Hinter dem Label steht der Stuttgarter Künstler Stefan Rienth. Fast drei Jahrzehnte lang arbeitete er mit seiner Agentur an der Schnittstelle von Gestaltung, Fotografie und digitaler Bildproduktion. Heute konzentriert er sich auf seine künstlerische Arbeit mit VYRD und entwickelt parallel eigene digitale, publizistische und unternehmerische Projekte.

Was seine Werkstatt verlässt, behauptet sich als physisches Gegenüber: Malerei auf Leinwand und Holz, Arbeiten mit Pigment und Kohle, Skulpturen und Metallobjekte, Druckgrafik, Bücher und Alben — mit patinierten oder versiegelten Oberflächen, in alten wie neuen Rahmen; als Unikate oder knappe, nummerierte Editionen. In einer Zeit, in der Bilder milliardenfach und gewichtslos zirkulieren, setzt VYRD.art auf Arbeiten, die tatsächlich da sind: mit Oberfläche, Spuren, Widerstand und einer Präsenz, die sich auf dem Bildschirm nur andeuten lässt.

Neben Ausstellungen und anderen kooperativen Formen der Präsentation folgt VYRD dem Modell eines unabhängigen Labels: Arbeiten werden im eigenen Atelier entwickelt, als Einzelstücke oder in kleinen Serien veröffentlicht und direkt über vyrd.art zugänglich gemacht. Verfügbarkeit, Maße, Technik und Preise sind dort transparent ausgewiesen.

OBSCUR — das Magazin

Mit OBSCUR wächst auf vyrd.art ein redaktioneller Raum für „wichtige Belanglosigkeiten aus den Randzonen der Aufmerksamkeit“: für vergessene Biografien, merkwürdige Dokumente, Randfiguren und Geschichten, die aus dem großen Bild gefallen sind. Wer die Bildwelt von VYRD verstehen will, findet dort ihr Umland.

Über VYRD

VYRD ist das unabhängige Kunstlabel des Stuttgarter Künstlers Stefan Rienth. Unter dem Claim „Artefacts from Altered Realities“ entstehen Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Druckgrafiken, Bücher und Alben — als Einzelstücke oder in kleinen, limitierten Editionen. Der Katalog der verfügbaren Arbeiten und das Magazin OBSCUR finden sich auf vyrd.art.

Pressekontakt

VYRD.art · Stefan Rienth
Reinsburgstraße 162 · 70197 Stuttgart
artist@vyrd.art · +49 1525 6164021
vyrd.art

Bildmaterial in Druckauflösung auf Anfrage. Abdruck honorarfrei, Belegexemplar erbeten.