The beauty of quitting

Jun 17, 2026Stefan Rienth
The beauty of quitting

Zwei Männer sitzen in einem leeren Diner und sind stolz auf sich. Beide haben gerade das Rauchen aufgegeben und tauschen die üblichen Glückwünsche der Geheilten. Auf dem Tisch liegt, von irgendwem vergessen, eine Schachtel Zigaretten. Tom Waits betrachtet sie eine Weile. Dann vollbringt er ein kleines logisches Wunder.

„Now that I've quit, I can have one — because I've quit." Er zündet sie genüsslich an und reicht die Schachtel weiter; sein Gegenüber, eben noch sprachlos, greift dankbar zu. Zwei reuelose Heilige des Augenblicks, die einander die Absolution erteilen.


Mit Zigaretten hat das alles wenig zu tun. Die Zigarette ist nur die Requisite. Worum es geht, ist eine Haltung sich selbst gegenüber — die Kunst, der eigene wohlwollende Aufseher zu sein. Waits sagt in einem Nebensatz, was ganze Bibliotheken umkreisen: dass der Mensch nicht trotz seiner Ausnahmen funktioniert, sondern durch sie.

Den schönsten Beleg dafür lieferte ausgerechnet der pedantischste Mann der Philosophiegeschichte. Immanuel Kant, sonst kein Freund des Durchgehenlassens, schrieb 1784 jenen Satz, den man sich über das Bett hängen sollte: „Aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden." Wer den Menschen gerade hobeln will, hat ihn bereits missverstanden. Das Sprichwort kennt dieselbe Einsicht in gröberer Hand — man muss eben manchmal fünfe gerade sein lassen.

[BILD — Detail: eine Hand, ein Streichholz, eine einzelne Zigarette am Rand des Bildes; harte Seitenlichtkante]

Die Psychologie hat es später im Labor nachgemessen. 1863 stellte Dostojewski seinen Lesern eine kleine Aufgabe: nicht an einen weißen Bären zu denken — und beobachtete, wie das verdammte Tier von da an durch jeden Kopf trottete. Hundertfünfundzwanzig Jahre danach setzte sich der Psychologe Daniel Wegner mit einer Klingel und ein paar Versuchspersonen hin und bewies es sauber: Was wir uns streng verbieten, kehrt häufiger und lauter wieder als alles, was wir erlauben. Das vollständige Nein erschafft erst den Dämon, den es vertreiben will. Die kleine, gewährte Ausnahme entwaffnet ihn. Nüchtern betrachtet ist Waits' Zigarette angewandte Kognitionswissenschaft.

Der Rest ist Selbsthumor. Walt Whitman, auf seinen eigenen Widerspruch angesprochen, zuckte mit den Schultern: „Widerspreche ich mir? Nun gut, dann widerspreche ich mir. Ich bin groß, ich enthalte Vielheiten." Groucho Marx kündigte seinem Klub per Telegramm — er wolle keinem Verein angehören, der bereit sei, ihn aufzunehmen. Und der heilige Augustinus sprach als Erster jenes Stoßgebet, das Waits' ganze Lehre bereits enthält: „Herr, gib mir Keuschheit — aber bitte noch nicht." Lauter Leute, die sich selbst beim Mogeln ertappen und dann herzlich darüber lachen.

  Auf Deutsch hat Peter Rühmkorf die Sache in ihre schärfste Form gebracht, fast beiläufig, mitten in einem Gedicht: „Nebenbei: wer sich nicht ruiniert, aus dem wird nichts." Gemeint ist kein Ruin des Körpers, sondern der kleine, freiwillige Riss in der eigenen Disziplin. Ein Leben ohne Spielraum, ohne Ausnahme, ohne den einen genehmigten Webfehler hobelt sich selbst zu etwas zurecht, das makellos ist und vollkommen uninteressant.

Die Lehre verlangt also weder Verzicht noch Härte — nur die Bereitschaft, mit sich selbst ein wenig nachsichtiger umzugehen als mit dem Finanzamt. Ab und zu ein bisschen quer zu liegen. Sich gelegentlich die eigene Genehmigung zu unterschreiben. Im Hintergrund des Diners läuft, das ganze Gespräch über, hawaiianische Musik. Kein Mensch weiß, warum. Sie passt vollkommen.

Obscura

Fundstuecke, Versuche, Irrtuemer und das Allerletzte.

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